Die Ausbildung und der Umzug in die eigene Wohnung

Im Sommer 2015 bin ich im Alter von 20 Jahren von zuhause in ein Apartment in der Trierer Maarstraße gezogen, weil ich mich zuhause nicht mehr wohl fühlte und meine damalige Ausbildungsstelle in der selben Straße lag, sodass ich nicht mehr mit dem Bus zur Ausbildungsstelle fahren musste, was Energie gespart hat. Ich saß seit 2011 bereits isoliert (und damals noch unbewusst traumatisiert) in meinem Zimmer, nachdem (zusätzlich zu den Traumata aus der Kindheit) weitere traumatische Ereignisse passiert sind. Schon damals ab dem Jahr 2012 herum fing meine Geräuschempfindlichkeit an und mein Schlaf wurde immer schlechter und oberflächlicher, sodass ich anfing, im Bett Ohrstöpsel zu tragen.

Von dem Umzug in das 25m²-Apartment erhoffte ich mir eine Befreiung, und trotz meines damals schon schlechten Zustands hatte ich immer noch Hoffnung, Freude und Zuversicht in mir und wollte die Ausbildung unbedingt schaffen. Ich war froh, eine Ausbildungsstelle im IT-Bereich bekommen zu haben, da ich aufgrund der komischen Schulen, auf denen man mich jahrelang kaputt gemacht hat, keine schriftlichen Qualifikationen vorweisen konnte und mich bereits im Jahr 2011 dazu entschieden habe, das Berufsvorbereitungsjahr selbstständig abzubrechen, um mich in die IT einzuarbeiten (wofür ich dann vom Staat wiederum bestraft wurde, obwohl ich nur versuchte, mir eine Zukunft aufzubauen).

In der Ausbildungsstelle fühlte ich mich trotz meiner Unsicherheit, Selbstscham und traumatisierten, verkrampften Körperhaltung (und wenn man mal von den Energie raubenden Telefonaten mit Kunden absieht) wohl und irgendwie zuhause, obwohl ich schon ziemliche Schlafprobleme hatte, die meine Leistungsfähigkeit beeinträchtigten. Ich mochte die Menschen dort und ich freute mich jeden Tag, wenn ich morgens die Räumlichkeiten betrat und der Kollege schon seine epische Musik über seinen Subsonic-Server laufen hatte und es angenehm nach E-Zigaretten-Liquids roch.

Vor allem war es toll, ein Umfeld zu haben, das sich für die IT auch so begeistert wie ich. Es war toll, dass ich dort die Dinge tun konnte, die mir Spaß machen (aber auch hin und wieder mal Dinge, die ich nicht so toll fand, wie zum Beispiel mit Photoshop arbeiten). Einmal machten wir abends noch Überstunden, um die WordPress-Präsenz eines Kunden fertigzustellen – und bestellten Pizza! Das war ein tolles Gefühl, allerdings bin ich mir sicher, dass nur eine sich nach Wärme sehnende Seele wie ich dieses (illusorische) Zuhause-Gefühl dort verspürte und es für die anderen dort hauptsächlich eine notwendige Beschäftigung war, mit der man Geld für sein eigenes Zuhause (abseits der Arbeitsstelle) verdient. Im Grunde war es dort genau so wie in der Schule: Man ist dort nur zusammen, weil man zusammen sein muss.

Die duale Berufsausbildung

Ein Problem der dualen Berufsausbildung war für mich, dass ich dafür ungefähr ein Drittel der Woche in der Berufsschule sein musste, in der ich mich (wenn man mal von der Begeisterung über die Motivation und den Elan der Lehrer dort, was ich so aus meiner vorherigen Schulzeit gar nicht kannte und bewundert habe, absieht) unter all den anderen Schülern nicht wohl, sondern fremd gefühlt habe. Ich hatte auch das Gefühl, dass die meisten dort nur im IT-Bereich arbeiten wollen, weil es irgendwie cool ist und nicht, weil sie sich total dafür begeistern. Ob das nur ein subjektiver Eindruck durch die Beobachtungen der anderen Schüler oder die Realität war, kann ich aber nicht abschließend beurteilen.

Ich weiß nur, dass ich in der ersten Stunde innerlich mit offenem Mund dagesessen habe, weil ich einfach nicht fassen konnte, wie unglaublich motiviert die Lehrer sind und welch gutes Gefühl das in einem auslöst. Ich hatte dort richtig das Gefühl, dass die Lehrer einem etwas beibringen wollten, allerdings sahen die anderen Schüler irgendwie eher gleichgültig aus (es war wohl Normalität für sie). Leider war ich zu diesem Zeitpunkt schon so kaputt, dass auch die Freude über die Motivation der Lehrer und die Unterrichtsform nicht mehr half, egal wie sehr ich mich anstrengte.

Ein weiterer Punkt, warum ich mich in der Berufsschule total fremd fühlte, war die Tatsache, dass alle außer mir dort einen normalen Werdegang hinter sich hatten und schriftliche Qualifikationen vorweisen konnten. Ich selbst schämte mich jedoch dafür, dass ich nichts vorweisen konnte, und so kam es oft zu unangenehmen Situationen, wenn ein Lehrer irgendetwas erzählte, vom Leben im Beruf und ganz selbstverständlich davon sprach, dass ja alle hier diesen und jenen Abschluss (Gymnasium, Abitur, Studium) haben. Auch wenn ein neuer Lehrer sich vorstellte und dann eine Vorstellungsrunde stattfand, in der jeder etwas über sich und seinen Werdegang erzählen sollte, schämte ich mich und versuchte, das so gut es geht zu vermeiden, so dass ich auch schon auf die Frage eines Lehrers bzgl. meines Werdegangs über die Köpfe und Tische der anderen hinweg geantwortet habe: „Öh. Warum wollen Sie das wissen?“

Wenn ich nach der Berufsschule nach Hause kam, war ich ausgelaugt, einsam und melancholisch und hörte Musik, während ich gleichzeitig versuchte, mich um die schulischen Aufgaben zu kümmern, für die ich aber oft keine Kraft mehr übrig hatte, trotz der Begeisterung über die Motivation der Lehrer. Trotz der Einsamkeit und Melancholie waren mir die Möglichkeiten (und die – im Vergleich zu den vorherigen Schulen – Herausforderung), die mir die Ausbildung geben würden, bewusst und ich staunte über die Motivation der Lehrer, die Schönheit der Informatik sowie die Schönheit (und Trostlosigkeit) der unendlichen Weiten des Internets – diesem Universum von verzweigten Kabeln, über das man mit einem elektronischen Impuls und einer Latenz von wenigen Millisekunden eine Reaktion auf der anderen Seite der Weltkugel auslösen kann. Ein Zufluchtsort vor der alltäglichen Kraftlosigkeit... Nur dass ich niemals ankam.

Aufgrund der Schlafstörungen und der depressiven Symptomatik (die eigentlich Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung sind, was ich damals aber noch nicht wusste), konnte ich aber keine großartigen Leistungen mehr erzielen, und mein sich in den vorherigen Jahren negativ verstärkter Drang zum Perfektionismus sorgte dafür, dass ich nicht in allen Fächern mitkam, weil ich immer alles perfekt machen wollte (vor allem schriftlich).

Ich fehlte später oft in der Berufsschule (und kam zu spät in den Betrieb), weil ich aufgrund des miserablen Schlafs und der Scham immer extreme Anstrengungen verbringen musste, um den Tag zu überstehen. Auch im Betrieb bemerkte ein anderer Kollege, wie ich mich jeden Tag „quälte“, weil ich damals schon unter merklich schlechtem Schlaf litt.

Sanktionen im Ausbildungsbetrieb

Ich habe mich aber keinesfalls hängen lassen, sondern mein Bestes gegeben, allerdings wurde ich für die Fehlstunden in der Berufsschule vom Betrieb (natürlich) sanktioniert, weil es wohl den Eindruck erweckte, als wenn ich „einfach keinen Bock“ hätte, was aber nicht stimmt. Ich bin mal wieder durch das Raster gefallen und wurde behandelt wie jemand, der sich einfach nur mental umentscheiden muss, um ab jetzt zu funktionieren, und dann wird das schon. 😒

Von einer im Kern kranken Gesellschaft, in der es nur Geld und um „Leistung, Leistung, Leistung“ geht, braucht man sich jedoch keinerlei Verständnis von Menschen zu erhoffen, die das Glück hatten, die richtigen psychosozialen Voraussetzungen und/oder Resilienzen zu haben, um eben diese Leistung erbringen zu können. Es wird dann gerne so dargestellt, dass man sich nur zusammenreißen müsste und deshalb komplett selbst dafür verantwortlich sei.

Aufgrund der Sanktionen, die mir damals unterbewusst eintrichterten, dass ich ein Kein-Bock-Azubi bin, der nicht versteht, was auf dem Spiel steht, habe ich weitere Selbstzweifel entwickelt, die mein Denken über mich selbst nochmal weiter negativ beeinflussten. So wie auch bei den ungerechtfertigten (und unverhältnismäßigen) Bestrafungen aus der Vergangenheit, die nur dadurch zustande kamen, weil ich mich so verhielt, wie es von meinem damaligen Umfeld (komische Schulen und Leute) von mir erwartet wurde, habe ich alles auf mich selbst bezogen, wodurch die Gefühle von „Ich bin schlecht und alles selbst Schuld“ weiter verstärkt wurden, obwohl es nicht der Realität entspricht.

Der Aufhebungsvertrag

Im Januar 2016 wurde ich dann offiziell krank, was bedeutet, dass ich arbeitsunfähig wurde und der Ausbildungsvertrag im April 2016 von beiden Seiten aus beendet werden musste. Es ging für mich aber einfach nicht mehr anders und ich konnte nicht mehr. Ich brauchte Ruhe von allem. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits seit ungefähr 2 Jahren dort im Betrieb und wohnte seit knapp 4 Monaten in dem Apartment in der Maarstraße, was mich innerlich immer noch mit dem Ausbildungsbetrieb verband. Nur deshalb bin ich in diese Ecke gezogen, die mir zuvor auch noch als „die ruhigste Ecke von Trier“ verkauft wurde, obwohl es (auch objektiv gesehen und von anderen bestätigt) nicht stimmte.

Ein paar Wochen vor der Arbeitsunfähigkeit fing auch der Nachbarlärm durch die Party-Studenten an, der sich natürlich noch negativer auf meinen sowieso schon schlechten Schlaf auswirkte. Aufgrund dessen kam ich eines Tages mal wütend in den Betrieb, weil bis 02:00 Uhr nachts heftige Bässe hinter papierdünnen Wänden aus der Nachbarwohnung kamen, und es hieß, ich soll meine privaten Probleme zuhause lassen. Das zeigt, dass in der kapitalistischen Arbeitswelt kein Platz für menschliche Probleme ist und man gefälligst zu funktionieren hat.

Ich bezog also die ersten Monate nach der Arbeitsunfähigkeit noch Krankengeld, bis ich dann nach dessen Wegfall den Antrag auf ALG-II-Leistungen stellen musste. Zum damaligen Zeitpunkt fühlte ich mich in der widerwärtigen Maschinerie des ach so tollen Sozialsystems allerdings noch nicht so ausgeliefert wie heute, was zum Teil vielleicht auch daran lag, dass ich eine verständnisvolle Sachbearbeiterin hatte und der Zeitraum des ALG-II-Bezuges noch vor den schwerwiegenden Retraumatisierungen (der Traumata aus der Kindheit) lag, die eine Reihe von Kackbratzen aus dem Bekloppten-IRC mir seit dem 23.12.2018 angetan haben und die mich menschlich und persönlich endgültig zerstört haben.

Der Autor

Hi. Ich bin Thomas. Hier veröffentliche ich in unregelmäßgen Abständen mehr oder weniger interessante Beiträge über Dies und Jenes, hauptsächlich über Computer und IT. Außerdem mag ich die Linux-Kommandozeile, vor allem wenn ich mit (m)einer mechanischen Tastatur darauf herumhacken kann. 😀